Kontraalt

 

Théophile Gautier (1811-1872)
Emaillen und Kameen (1852)

 
 

In der Antikensammlung ist auf einem gemeißelten Bett

eine rätselhafte von beunruhigender Schönheit

geprägte Marmorstatue zu sehen.

Ist es ein Jüngling oder eine Frau?

 

Ist es eine Göttin oder ein Gott?

Es wird gezögert, weil die Liebe fürchtet

schändlich beurteilt zu werden,

so dass keine Liebeserklärung

sofort ausgesagt werden kann.

 

Mit ihrer verschmitzten Haltung liegt

sie, der Menge

der Schaulustiger den Rücken zuwendend,

auf ihrem gepolsterten Kissen.

 

Um ihre verfluchte Schönheit zu schaffen,

brachte jedes Geschlecht ein Geschenk mit.

Jeder Mann sagt: « Es ist Aphrodite! »

Jede Frau: « Es ist Cupido! »

 

Ungewisses Geschlecht, sichere Anmut!

Man möchte fast diesen unentschiedenen,

unter den Küssen von Salmacis,

im Wasser ihrer Quelle gegossenen Körper meinen.

 

Glühendes Trugbild, äußerstes Bestreben

der Kunst und der Sinnenlust

Reizendes Ungeheuer, o, wie ich dich,

mit deiner vielfaltigen Schönheit—liebe!

 

Obwohl man sich an dich nicht annähern

kann, habe ich meinen Blick auf dich

tief unter den steilen Faltenwurf,

dessen Spitze an deinem Fuß

hängen geblieben ist, gerichtet.

 

Dichter- und Künstlertraum,

Du hast mich oft in der Nacht beschäftigt,

Und mein Verlangen, das fortbesteht,

gibt nicht zu, dass es sich in dir geirrt hat.

 

Aber er wird umgesetzt,

und indem er von einer Gestalt in einem Gesang übergeht,

findet er in dieser Verwandlung [beides:]

das Mädchen und den Jungen.

 

Wie du mir gefällst, o seltsame Klangfarbe!

Dessen Pendant bist du, Mann und Weib unterschiedslos!

Contralto, bizarre Mischung,

zwitterige Stimme!

 

Es ist Romeo, es ist Julia:

Beide singen durch dieselbe Kehle;

Die auf demselben Rosenbusch

sitzenden Taube und Grasmücke.

 

Es ist die Schlossherrin, die über ihren schönen,

seine Liebe erklärenden Pagen spottet;

der am Fuß der Mauer Liebhaber,

die Dame am Balkon des Turmes.

 

Der Schmetterling, weißer Funke,

den, bei Umwegen und Herumtollen

einen treuen Schmetterling verfolgt;

der eine hoch, der andere tief fliegt.

 

Der Engel, der die goldene Treppe

hinauf- und hinabflattert;

Die Glocke, die mit ihrem Gusseisen ,

die eherne und die silberne Stimme vermischt.

 

Die Melodie und die Harmonie,

der Gesang und die Begleitung;

die mit der Anmut verbundene Kraft,

die ihren Liebhaber umarmende Geliebte!

 

Heute Abend wird es das auf einer Falte

seines Rocks sitzende Aschenbrödel;

Es plaudert neben dem Feuer, das es anbläst,

mit seinem Freund, dem Heimchen.

 

Morgen, wird es der tapfere Arsace,

der seinem Zorn freien Lauf lassen wird,

oder Tancredi, mit seinem Harnisch,

seinem Schwert und seinem Helm;

 

Die das Lied der Weide singende Desdemona;

die den Masetto narrende Zerlina,

oder der seine Reisedecke

auf der Schulter tragende Malcolm.

Dich liebe ich, o Alt!

 

Reizendes und absonderliches Wesen,

das Gott mit doppelten Reizen ausgestattet hat,

o Du, der, wie Gulnare,

der Kaled eines Laras sein könnte,

 

Und dessen anschmiegsame Stimme,

die das verschlafene Herz aufweckt,

mit den Seufzern der Geliebte,

den männlichen, tieferen Klang des Freunds verquickt